Monate später.

Ich habe euch vermisst.

Das vegane Leben Die vegane Ernährung ist so normal und alltäglich geworden, dass ich gar nicht mehr auf die Idee kam, darüber zu schreiben. Zu sprechen umso mehr, denn mein Wandel war in den letzten Wochen und Monaten unglaublich oft Thema. Manchmal wollte ich es, oft kam es einfach über mich. Ich halte ein Damoklesschwert aus Sojabohnen hoch. „Sag mal, Tanja……vegan……..ernsthaft?“.

Frauen sind meist interessiert, und unerwartet viele Freundinnen, Bekannte, Mutter, Schwiegermutter (!) ließen sich anstecken und geben positives Feedback. Männer sind dagegen ein schwieriges Gegenüber. In einer TV-Doku hörte ich vor kurzem, dass Männer mit dem Genuss von Fleisch noch immer körperliche Stärke bzw. Überlegenheit verbinden und damit zu demonstrieren versuchen. „Guck mal, das hab ich mit meinen eigenen Händen erlegt!“ war früher, heute ist es „Guck mal, ich hab so ’nen irren Grundumsatz, ich brauch so einen Riesenbatzen Fleisch.“ Hm, mag was dran sein. Zumindest passt es zu der ungeahnt heftigen Reaktion mancher. Die gebildetesten Männer sinken im Argumenteniveau und versuchen, mir anhand des menschlichen Gebisses zu erklären, warum es komplett dämlich ist, dass ich nun Tofu statt Mortadella esse.

Tofu, eine ganz brisante Vokabel. „Von dem ganzen Gen-Soja und dass dafür der ganze Regenwald abgeholzt wird, weißte aber, nä?“  Ja, weiß ich, aber damit sind nicht die Sojabohnen aus meinem Drink gemeint (die wachsen am Bodensee), sondern das Soja für das Futter in der Nutztierhaltung…..ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich das in der letzten Zeit gefragt wurde und beantwortet habe. Erstaunlicherweise war die Reaktion nie ein „ach so, das wusste ich gar nicht, das ist dann natürlich etwas anderes und lässt mich meine Meinung noch mal überdenken“, sondern entweder etwas in Richtung „aber du isst ja jetzt viel MEHR Soja und das soll ja generell total ungesund sein“ oder gebetsmühlig ein weiterer Klassiker der Fleischverteidigung: a) „Aber euer großer Kühlschrank ist ja auch nicht gerade öko“, b) „ich esse ja nur Bio-Fleisch“, c) „Veganer tun mir leid….was die alles verpassen“….

A) Nein, ist er nicht, aber ich esse ja auch nur vegan. Ich bin nicht perfekt und strebe es auch nicht an. B) Bio-Schweine werden aber auch geschlachtet, nur damit wir etwas zu essen haben, was wir nicht brauchen, sondern lediglich wollen. Und C), zum zigtausendsten: Ich verpasse nichts. Ich verzichte auch auf nichts. Glaubt mir.

Eine immense Anzahl an Menschen mag keinen Rosenkohl. Selten stehen sie vor der Tiefkühltruhe, fixieren die Kohlbeutel und denken; „Mist, und ICH kann den nicht essen! Was für ein Verzicht!“

So wie sie auf Rosenkohl gucke ich auf Tierisches. Gar nicht. Es interessiert mich schlichtweg nicht mehr. Bei Speisekarten denke ich: „…mit Rosenkohl……mit Rosenkohl…..auch mit Rosenkohl……hm…..ah, OHNE Rosenkohl, das nehm ich!“ So einfach ist es. Alles easy, alles völlig entspannt. Und den Menschen neben mir wünsche ich Ihnen einen guten Appetit, unabhängig davon, ob sie sich Pasta mit Tomatensauce oder Spareribs bestellt haben. Es geht mir um mich, bitte trennt das, ihr erbosten Männer.

Seit 91 Tagen ernähre ich mich nun komplett vegan und bin darüber richtig, richtig glücklich. Ich esse mit einem unfassbar guten Gewissen, ich fühle mich so viel gesünder, frischer, fitter……und….über 6 Kilo leichter.  Gestartet bin ich bei 65,2 kg, jetzt sind es 58,8kg. Sechs Kilo, ich fasse es manchmal selber kaum. Seit JAHREN versuche ich, die Restpfunde der zweiten Schwangerschaft loszuwerden und dann, zack, fallen sie plötzlich von mir ab. Ohne Sport. Der allerdings folgen wird, denn ich habe das dringende Bedürfnis, meinem Körper noch mehr Gutes zu tun (aka: Schande, es muss was passieren).

Eines ist allerdings wichtig: Es liegt nicht am Veganen allein. Ich esse auch kaum noch Zucker. Süßigkeiten? So gut wie gar nicht mehr. Alle paar Tage mal ’nen Keks. Früher: UNDENKBAR. Wer mich kennt, weiß, wie sehr. Bei mir gab es zu jeder Tageszeit Zuckerkram. Für spontane Besuche war meistens Kuchen da, und wenn niemand kam, gab es für mich halt ein (drei..) Stück mehr. Mein Insulinspiegel war ein einziger Berg- und Talrausch.

Bis zur Challenge. Die absolute Vollbremsung.

Seitdem trete ich das Gas nicht mehr durch. Ich fahre bewusster. Ich habe seit August keinen Bonbon gegessen, kein Gummibärchen, nichts. Und das ohne Verzicht. Ich mag es einfach nicht mehr, ach was, das wäre schon viel zu viel – ich DENKE einfach gar nicht mehr daran. Es ist mir komplett schnuppe. Auf dem Tisch steht die Schüssel mit den Halloweenresten und interessiert mich: null.

Wenn mein Kopf jetzt Appetit meldet, lenkt er mich zu Avocado und Brot. Mit Salz, Pfeffer und ein wenig Zitrone, Bombe! Wenn es süß sein soll, denke ich an Bananen. Komplett irre, ich weiß. Aber es fühlt sich grandios an.

Allerdings bin ich noch immer nicht richtig fit in der ganzen vegan-Theorie. Ich weiß noch immer nicht, wovon ich wie viel am Tag essen müsste, um optimal mit X, Y und Z versorgt zu sein. Um einem B12-Mangel vorzubeugen benutze ich eine spezielle Zahnpasta, ich frühstücke täglich einen Shake mit Amaranth und trinke ein bis zwei Gläschen Rote-Beete-Saft gegen Eisenmangel – aber der Rest? Kein Schimmer. DAS ist das wirklich Anstrengende am veganen Ernährungsleben. Wobei auch das vermutlich nur ein Problem in meinem Kopf ist und kein wirklich existentes. Falsch ernähren kann ich mich als Nicht-Veganerin ganz genauso. Ich bekomme dann allerdings viele Stoffe, die mein Körper benötigt, ohne darauf zu achten. Leider auch viel Zeugs, das er gar nicht will und das mich eher krank macht. Vegan reduziere ich Letzteres extrem, muss dafür aber halt darauf achten, das ganze Gute nicht zu verpassen. Noch esse ich definitiv zu wenig Obst und Gemüse. Das muss besser werden. Das Problem ist allerdings: Ich habe kaum noch Hunger. Morgens trinke ich meinen Drink aus Haferflocken, besagtem Amaranth, Hafermilch, Leinsamen, Banane etc., der mich so satt macht, dass ich erst Stunden später wieder überhaupt an Essen denke. Dann esse ich eine Scheibe Brot mit irgendeinem Aufstrich oder Avocado und abends vielleicht noch mal ’ne Miniportion Pasta oder ne Banane. Ich brauche einfach kaum noch was. Spooky.

So, falls mir der Rote Faden verloren gegangen ist, reiche ich ihn in den nächsten Tagen nach.

Ich grüße euch ganz lieb. Vegan oder nicht. 😀